Brasilianisches Rindfleisch

Drei Kontinente – ein Fleisch

Wer sich etwas näher mit Brasilianischem Rind befasst, der kommt über kurz oder lang weder an Portugal noch an Indien vorbei. Das mit Portugal leuchtet dabei – zumindest auf den ersten Blick – sofort ein, ist Portugiesisch doch immerhin Amtssprache dieses riesigen Landes, das fast die Hälfte Südamerikas einnimmt und der Fläche und den Einwohnern nach der fünftgrößte Staat der Welt ist.

Kein Wunder, dass sich die kolonialistischen Portugiesen dieses Sahnestück sofort unter den Nagel rissen, als sie die Möglichkeit hierzu bekamen. Für die sogenannte Kolonialisierung des gesamten Landes brauchten sie gerade mal von 1500 bis 1580. Nun wollen wir nicht unbedingt in Geschichtliches abschweifen, unser Thema ist schließlich das Fleisch. Aber: Indien?

Lecker, gut und viel

Wissen Sie, was eine ‚Churrascaria‘ ist, in Deutschland sind diese Restaurants auch unter dem Begriff ‚Rodizio‘ bekannt? In einer Churrascaria sitzen die Gäste an den Tischen und werden in regelmäßigen Abständen und endlos mit verschiedenem, frisch gegrilltem Fleisch verwöhnt. Frisch vom Spieß direkt auf den Teller geschnitten. Wer nicht mehr kann oder eine Verschnaufpause benötigt, dreht einen kleinen diaboloförmigen Stempel so, dass dessen rote Seite nach oben zeigt. Die Kellner lassen einen dann umgehend in Ruhe. Kurz gesagt ist ein Rodizio ein Paradies für Fleischesser.

Jetzt wollen wir nicht behaupten, dass diese Gastronomieform ihre Wurzeln ist Brasilien hätte (die liegen nämlich in Portugal). Wir möchten nur erwähnen, dass Churrascarias in Brasilien überaus populär sind – einfach, weil die Brasilianer unfassbar gerne unfassbar viel Fleisch essen. Und zwar dermaßen viel, dass kein einziger Staat der westlichen Welt da mithalten kann. Zum Vergleich: Ein Brasilianer verzehrt pro Jahr 92,5 Kilo Fleisch im Jahr, ein Deutscher gerade mal 60.

Man muss sich jetzt verblüfft erstens fragen, wo bei einer Einwohnerzahl von 205 Millionen eine solche Menge Fleisch herkommen soll und zweitens muss man wissen, dass Brasilien gleichzeitig der weltweit zweitgrößte Exporteur von Rindfleisch ist. Auch das noch! Die Ressourcen sind einfach gigantisch.

Indien? Echt jetzt?

Ja, echt. Die Welt ist voller Wunder. Wenn man sich umhört, vermuten die Meisten, dass die USA der größte Rindfleischproduzent der Welt wären. Stimmt auch, aber: Die essen sehr viel davon auch selber wieder auf. Der größte Rindfleischexporteur ist allen Ernstes Indien, dicht gefolgt von Brasilien.

Man kann mit Fug und Recht davon ausgehen, dass diese beiden Länder irgendetwas gemeinsam haben, mit dem sich Rinder extrem wohl fühlen. Und das ist auch so. Zunächst mal haben sie unglaublich viel Platz, sodass einer extensiven Aufzucht nichts im Wege steht. Dann ist das Klima gleich: Brasilien liegt weitgehend südlich des Äquators und Indien in ganz ähnlicher Distanz nördlich davon. Zum tropischen Bereich hin ist also auch Wasser im Überfluss für reichlich Weideland vorhanden. Und mild bis warm ist es das ganze Jahr über.

Das Beste aller Welten

Schluss mit den Gemeinsamkeiten? Noch nicht so ganz. Ungefähr die Hälfte der ungefähr 200 (!) Millionen in Brasilien gezüchteten Rinder gehören der Rasse ‚Nelore‘ an. Und die ist – Achtung! – indischen Ursprungs, namentlich stammt sie vom Zebu-Büffel ab. Die Nelore sind wie geschaffen für das Leben in Brasilien: Ihre langen Beine helfen, in sumpfigem Gebiet zu laufen und zu grasen. Die dicke Haut ist von weißem bis hellgrauem Fell überzogen, das Sonnenstrahlen filtert und reflektiert. Sie sind extrem hitzetolerant, anspruchslos und haben eine natürliche Resistenz gegenüber Parasiten und Krankheiten. Noch dazu sind sie überaus fruchtbar. Was will man mehr?

Tatsächlich haben sie so viele positive Eigenschaften, dass sie sehr gerne zur Zucht und Kreuzung mit den hier ebenfalls weit verbreiteten (europäischen) Hereford, den ohnehin allgegenwärtigen Simmenthalern und natürlich Angus eingesetzt werden. Und so entsteht in einem quasi dreikontinentalen Tusch eine wirklich großartige Rindfleischqualität.