Gans

 

Wieso gerade die?

Nicht viele Tiere leben schon so lange so nah an der Seite des Menschen. Hühner vielleicht, Schweine, Rinder, Hunde – und eben die Gans. Die Griechen schätzten sie wegen ihrer Schönheit und ihrer gestopften Leber (wirklich wahr, über die Gänsemast berichtet schon Homer) und die Römer machten sie zum Haustier der Göttin Juno (Fachbereich Geburt, Ehe, Fürsorge). Römische Gänse galten als heilig und wer einmal das Kapitol gesehen hat, sollte wissen, dass es damals einen ganz schön großen „Schlag“ beherbergt hat. Die Idee, Gänse innerhalb der Burg zu halten, erwies sich später als überaus glücklich, wenn man den Legenden glaubt: Als nämlich am 18.07.387 v.Chr. der Gallier Brennus mit seinen wilden Horden Rom heimsuchte, konnte nur das Kapitol gerettet werden, weil die aufgeregten Gänse gerade noch rechtzeitig so laut geschnattert hatten, dass die überrumpelten Soldaten eine Verteidigung organisieren konnten. Des Kapitols, wohlgemerkt – der Rest von Rom wurde in Schutt und Asche gelegt.

Warum auch nicht?

 

Überhaupt gibt es jede Menge Erzählungen über Mensch und Gans und in so gut wie jeder kommen die Gänse wirklich gut weg. Das fängt bei Nils Holgersson an, geht bei Gänsen als Wachpersonal auf modernen Bauernhöfen weiter und hört natürlich mit St. Martin und der berühmten Martinsgans noch lange nicht auf (einzige Ausnahme scheint der unerträglich glückliche und dem Müßiggängertum zugeneigte Gustav Gans zu sein, der 1948 als Comicfigur auf den Plan trat).

 

Was denn jetzt?

Wieso aber „Martinsgans“? Warum eigentlich benennt man ein Festtagsgericht nach einem längst verstorbenen Heiligen? Es gibt ein paar Erklärungen, suchen Sie sich einfach diejenige aus, die Ihnen am besten gefällt:

A. Die Bürger des französischen Tours waren 372 n. Chr. der Meinung, dass Martin einen wirklich guten Bischof abgeben würde, und wollten ihm die entsprechenden Weihen verpassen. Der überaus bescheidene und asketische Mönch allerdings (das war der mit dem halbierten Wintermantel) hielt sich dieser Aufgabe für unwürdig und versteckte sich in einem Gänsestall. Und die Vögel machten das, was sie besonders gut können: laut schnattern. Martin wurde aufgestöbert und zum Bischof gemacht.

B. Während der Bischof von Tours, Martin, eine längere Sonntagspredigt hielt, spazierte eine größere Gesellschaft schnatternder Gänse in den Kirchenraum und unterbrach seine Ansprache. Der Schlag wurde verhaftet und seiner gerechten Strafe zugeführt: Festschmaus für den Abend.

C. Dass es ausgerechnet der 11.11. ist, der den Martinstag markiert, kann an drei Dingen liegen:
ERSTENS wurde Martin am 11. November 397 beerdigt, weshalb das Datum zum Gedenktag wurde (an einem 11.11. wurde übrigens auch Martin Luther getauft, was die Martinsgans sozusagen überkonfessionell machte).
ZWEITENS markierte der 11. November (der besagte Martinstag oder „Martini“) später mehr oder weniger den offiziellen Winteranfang bzw. das Ende des landwirtschaftlichen Nutzjahres. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Bauern ihren Teil bei den Landbesitzern abzuliefern, was in Form von einigen fetten Gänsen recht einfach möglich war (Gänse können bis zu 60 Eier pro Saison legen und haben entsprechend gute Vermehrungsraten. Gänseküken werden übrigens „Gänsel“ oder „Gössel“ genannt. Süß.)
DRITTENS war es bis fast in die Neuzeit hinein so, dass die Fastenzeit nicht ein paar Monate NACH, sondern einige Wochen VOR Weihnachten lag und – schon wieder – mit dem Beginn des Winters zusammenfiel. Mit anderen Worten gab es nur bis zum 11.11. die Möglichkeit, sich noch mal so richtig den Wanst vollzuschlagen und dafür zu sorgen, dass sich danach keine fastenfeindlichen Zutaten wie Fett, Fleisch, Schmalz oder Eier mehr im Haus befanden. Auch gut.

Was noch?

Gänse zählen zur Familie der Entenvögel und sind mit den Schwänen verwandt. Seltsamerweise geht man heute davon aus, dass ihr Name von dem fauchenden Geräusch abgeleitet ist, das sie machen, wenn sie nicht gerade wie wild rumschnattern. Weibliche Gänse heißen „Gans“, männliche „Gänserich“, „Ganser“, „Ganterich“ oder „Ganter“.

Gänse aus der Intensiv- oder Mastganshaltung erreichen ihr Schlachtgewicht von 4,5 bis 6,5 Kilogramm schon nach neun Wochen (!). Tiere aus der Weidemast hingegen brauchen fünf bis neun Monate (!) und wiegen 6,5 bis 7,5 Kilogramm. Welche Gans Sie sich also in Ihre Küche holen sollten, ist da ja wohl sonnenklar.

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