Huhn

Ob Sie sich das jetzt vorstellen können oder nicht: Das Haushuhn („Gallus gallus domesticus“ – der Name ist Programm) ist mit Abstand das beliebteste und häufigste Haustier der Welt.

Auf dem Planeten leben konstant etwa 20 Milliarden Hühner – also fast drei pro menschlichem Bewohner – und die Zahl der verspeisten Tiere pro Jahr wird auf unfassbare 45 Milliarden geschätzt.

Der alltägliche Exot

Dabei hat alles ganz anders und auch recht bescheiden angefangen. Und das wieder einmal überhaupt nicht in unseren kontinentaleuropäischen Breiten, sondern fast ganz am anderen Ende der Welt, in Süd- und Südostasien, namentlich in Indien, Südchina und im malaiischen Archipel, dessen Inseln den Raum zwischen dem südlichsten Südostasien und Australien ausfüllen. Eine ganz schöne Weltreise hat das Huhn da hingelegt.

Aber natürlich ist es weder von selbst auf die Idee gekommen, mal eben die Erde zu umrunden, noch sah der Urvater unserer heutigen Hähne, Glucken (Mütter mit Küken), Kapaune (kastrierte Hähne), Küken (Nachwuchs) oder Hennen (Weibchen) ganz genau so aus, wie wir es gewohnt sind. Vor allem war er kleiner.

Andererseits muss man zugeben, dass das Verhalten, die Färbung, das Lege- und Brutgebaren, die Ernährung (omnivor, also pflanzliche und tierische Nahrung) und sogar die „Sprache“ des Bankiva-Huhns auf verblüffende Weise denen „unserer“ Hühner ähneln. Noch heute ist die wild lebende Art in Südostasien in großer Zahl anzutreffen und erfreut sich bester Gesundheit. Und das nur ganz schnell und am Rande: Das Huhn – auch das Bankiva – zählt zur Familie der Fasanenartigen, was sehr gute Rückschlüsse auf seine „Flugkünste“ zulässt.

Haus und Huhn

Wann genau das Bankiva-Huhn domestiziert wurde, ist ein bisschen umstritten, es gibt allerdings Hinweise darauf, dass dies bereits vor ca. 8.000 Jahren in China passiert sein könnte. Als gesichert darf allerdings das Jahr 2500 v. Chr. für die Indus-Kultur (also Nordwestindien) und dann auch 1400 v. Chr. für China angesehen werden, hier wird das Huhn am Haus jeweils zum ersten Mal schriftlich erwähnt. 

Und es ist ja auch ausgesprochen praktisch: Hühner brauchen nicht besonders viel Platz, sind gut zu transportieren, liefern zuverlässig Eier und Fleisch, fliegen nicht besonders gut und weit und ihre Nachkommen wachsen schnell und in großer Anzahl nach, wenn man sie denn lässt. 

Auf jeden Fall scheint das Huhn über die Seidenstraße zunächst nach Ägypten, dann ungefähr 1.000 Jahre später nach Etrurien (nördliches Mittelitalien, Etrusker) und nach Griechenland, mit den Kelten in der frühen Eisenzeit (ca. 800 bis 450 v. Chr.) dann nach Südwestdeutschland und mehr oder weniger gleichzeitig nach Rom gekommen zu sein, dessen riesigen Heeren es dann (viel später) als Eins-a-Nahrungsquelle diente.

Es waren also mal wieder die Römer, die eine ihrer besten Errungenschaften im großen Stil über die Alpen brachten und unsere Lebensweise und Speisekarten nun auch mit köstlichem Geflügel und leckeren Eiern bereicherten.
 

Genug mit Geschichte!

Oder wenn Sie das auch noch wissen möchten: Die ersten Hühner, die zuerst Süd- und Mittelamerika und später dann den gesamten Kontinent besiedelten, wurden wohl von Christoph Kolumbus bei seiner zweiten Reise aus Europa (1493) mitgebracht. Später paarten sich die Tiere dann begeistert mit den von europäischen Siedlern mitgebrachten Exemplaren, aber das führt jetzt wirklich zu weit.

Huhnglaublich

Manche würden das eine Erfolgsgeschichte nennen, andere einen überraschenden Nachfrage-Anstieg: 1960 wurden pro Kopf und Jahr weltweit etwa 2,5 Kilogramm Hühnerfleisch verzehrt, 2010, also nur 50 Jahre später, hatte sich der Verbrauch mit sage und schreibe elf Kilogramm mehr als vervierfacht.

Hierfür werden ganz allgemein nur drei sehr einleuchtende Gründe gesehen: Einerseits wuchs vor allem in der überernährten westlichen Welt der Bedarf an magerem und trotzdem schmackhaftem Fleisch, während andererseits in der sogenannten Dritten Welt bzw. in vielen Schwellenländern die Kühl- und Lagermöglichkeiten bei Weitem noch nicht ausreichend waren, um zum Beispiel ein Schwein oder gar ein ganzes Rind länger aufzubewahren. Ein Huhn dagegen ernährte die ganze Familie für einen Tag – und war dann eben auch verzehrt. Der dritte Grund ist die erstaunliche Effektivität des Huhns: Während ein Schwein zum Beispiel für ein Kilogramm Fleisch drei Kilo Nahrung benötigt und ein Rind sogar ganze acht, reichen einem Huhn bescheidene 1,6 Kilogramm Futter dafür.

Dazu kommt noch die schier unglaubliche Wachstumsgeschwindigkeit des Nachwuchses: Ein Küken kommt mit einem Gewicht von ungefähr 40 Gramm aus seinem Ei gekrabbelt und kann bei gutem Nahrungsangebot schon zwei Wochen später das Zehnfache dieses Gewichts auf die Waage bringen.

Da weiß man gar nicht, welcher Baby-Rekord beeindruckender ist: Das enorme Wachstum unseres Haushuhn-Kükens oder die Tatsache, dass ein Bankiva-Junges bereits nach einer (!) Woche fliegen kann.

Auch nicht schlecht

Deutschland liebt Fleisch auf dem Teller, das ist gar keine Frage. Im Schnitt verzehren wir pro Kopf und Jahr ca. 60 Kilogramm und jetzt wird es schon wieder interessant, denn wenn man sich einmal ansieht, wie sich der Anteil von Geflügel (also weitestgehend Huhn) von 1999 (gut neun Kilogramm) bis 2018 (gut 13 Kilogramm) in unserem Gesamt-Fleischkonsum niederschlägt, dann ist das schon ganz klar eine Erfolgsgeschichte.

Und Sie so?

Obwohl es schon alleine in Europa über 180 verschiedene eingetragene Hühnerrassen gibt, werden für die konventionelle Aufzucht nur sehr wenige bzw. gar keine mehr davon eingesetzt. Die meisten Hühner sind hochspezielle Züchtungen, die entweder besonders viele Eier legen können oder besonders viel Muskelfleisch aufbauen.

Wenn Sie dem Huhn also insgesamt etwas Gutes tun wollen – und Fans von Biodiversität sind –, dann schaffen Sie ein bisschen Platz im Garten, reden mit einem lokalen Hobby-Hühnerhalter und legen sich zwei oder drei Exemplare einer alten Rasse – oder irgendeine freundliche Mischform – zu (es muss ja kein ständig krähender Hahn dabei sein; Hühner legen ihre Eier nämlich – wussten Sie das eigentlich? – auch ohne männliche Beihilfe). In solcher Pflege sorgen frei lebende Hühner nicht nur mit Vergnügen stets für frische Eier auf dem Frühstückstisch. Weil sie bei guter Haltung und Pflege auch locker ein Alter von acht oder gar zehn Jahren erreichen können, haben Sie plötzlich ein überaus freundliches, neugieriges, pflegeleichtes und nett anzuschauendes Familienmitglied mehr.

Und wenn Sie dann noch alle Schlafplätze auf der gleichen Höhe anbringen (möglichst weit oben, eigentlich sind Hühner Baumschläfer) und das Futter frei und weit auf dem Boden der Voliere verteilen, dann gibt es auch kein Gerangel um den besten Platz und die berühmt-berüchtigte Hackordnung ist weitestgehend außer Kraft gesetzt.