Olaf Pieschel im Interview

Von der Waterkant zuerst nach Südwesten und dann wieder halb zurück. Wer sich auf solche Abenteuer einlässt, ist ganz sicher kein Kind von Traurigkeit, sondern ein echter Macher. Olaf Pieschel hat in seinem Berufsleben schon so einiges gesehen und erlebt. Was ihn fasziniert, ist die schier unglaubliche Warenvielfalt in seinem Sortiment, und wenn man ihn nach einer bestimmten Weinlage, einem besonderen Whisky, einem seltenen Tee oder nach der Herkunft seiner Kaffee-Produkte fragt, antwortet er meist wie aus der Pistole geschossen. Aber es ist nicht nur die reine Freude an „seinen“ Produkten, die ihn antreibt. Auch das Geschäftliche, das Management und der persönliche Kontakt mit seinen vielen Mitarbeitern in 16 Märkten liegen ihm besonders am Herzen.

In vino veritas

Handelshof: Herr Pieschel, wenn wir das Wasser mal weglassen aus der Betrachtung: Was ist der Deutschen liebstes Getränk?

Olaf Pieschel: Soll ich Ihnen das jetzt einfach nur sagen oder wollen Sie vielleicht mal raten?

HH: Ich bin echt schlecht im Raten. Und wenn ich jetzt näher drüber nachdenke, finde ich das auch wirklich schwer einzuschätzen.

OP: Ja, oder? Mit Saft, Limo oder Milch kommt man da nicht so richtig weiter.

HH: Und Alkohol kann es ja eigentlich auch nicht sein, sonst wären ja andauernd alle blau …

OP (lacht): Gut nachgedacht – käme aber natürlich auf den Alkoholgehalt an.

HH: Okay, dann ganz blöd und ins Blaue: Bier vielleicht?

OP: Nein. Falsch. Nicht schlecht, aber falsch.

HH: Dann Sie!

OP: Man würde im ersten Moment vielleicht wirklich nicht daran denken, aber es ist tatsächlich Kaffee.

HH: Das hätte ich jetzt im Leben nicht erwartet.

OP: Ungefähr 130 Liter pro Kopf pro Jahr.

HH: Und Bier?

OP: Bier kommt so auf 105 Liter, Tendenz leicht fallend. Der Kaffee bleibt stabil. Über 75 % der Deutschen trinken täglich Kaffee – außer den Ostfriesen natürlich. Die sind ja sogar Weltmeister im Teetrinken.

HH: Wie sieht es denn mit Wein und Sekt so aus?

OP: Beide zusammengenommen landen wir da ungefähr bei knapp 25 Litern pro Kopf pro Jahr, was im Vergleich zu Kaffee oder Bier nach gar nicht so viel klingt. Allerdings muss man auch immer bedenken, dass die meisten Deutschen ja Kaffee und Bier und Wein genießen. Das sind ja keine Entweder-oder-Zahlen.

HH: Klar. Aber bleiben wir kurz beim deutschen Wein.

OP: Warum?

HH: Sie meinen, warum nur beim deutschen?

OP: Ja.

HH: Weil das Gute oft so nah liegt.

OP: Absolut, deutsche Weine sind – auch im internationalen Vergleich – spitze!

HH: Trotzdem rangiert Deutschland irgendwo um den 20. Platz …

OP: Weil unsere Anbauflächen nicht groß genug sind. Wir haben zwar 13 Weinanbaugebiete, aber nur ca. 100.000 Hektar Anbauflächen.

HH: Na ja – 100.000 Hektar …

OP: Ja? Dann blicken wir mal über den Tellerrand.

HH: Und was erblicken wir da?

OP: Da erblicken wir zunächst einmal Europa, den größten Weinerzeuger der Welt. Und dann sehen wir Italien mit 770.000 Hektar, Frankreich mit 800.000 und Spanien mit über 1.000.000 Hektar.

HH: Puh, dagegen ist Deutschland ja wirklich nix.

OP: Ja, was die Produktion angeht, liegen wir international so auf dem 20. Platz – noch hinter China und Russland.

HH: China?!

OP: Irgendwelchen Wein gibt’s überall auf der ganzen Welt.

HH: Egal! Reichen unsere Erträge denn aus?

OP: Sie meinen, für unseren Konsum? Bei Weitem nicht! Deutschland ist Netto-Importeur, das heißt, wir führen entschieden mehr ein als aus.

HH: Wie viel denn so im Verhältnis?

OP: Wir trinken doppelt so viel, wie die deutschen Winzer erzeugen können.

Steckbrief

Olaf Pieschel, Jahrgang 1969, kam schon als Kind mit der Warenwirtschaft in Kontakt: Seine Eltern führten einige Tankstellen in Cuxhaven und waren mit die ersten Tankwarte in Deutschland, die Kioskwaren, Snacks und allerlei Gebrauchsprodukte vertrieben. Nach seinem BWL-Studium wirkte er viele Jahre im Zentraleinkauf national/international eines sehr großen deutschen Discounters in Südwestdeutschland mit, bevor er 2013 seinen Weg zum Handelshof nahm, wo er seit 2015 die Bereichsleitung Kaffee, Tee, Spirituosen und Wein innehat. Der Vater von drei Kindern bezeichnet sich nicht als Sommelier, sondern als „Genussmensch mit einem ziemlich guten Gedächtnis“.

Familie und Beruf füllen sein Leben gut aus, sodass er als Hobby schlicht „kochen“ angibt. Sicher eine kleine Untertreibung für jemanden, der Gäste gerne zu mehrgängigen Menüs einlädt und zu jedem Gang einen anderen Wein kredenzt. Seine persönlich liebste Weinlage hierzulande ist Württemberg, von wo er besonders den Trollinger schätzt. Und international? Ganz klar die Provence.

HH: Stichwort Winzer: Wie beziehen Sie Ihre Weine eigentlich?

OP: National am liebsten tatsächlich von Winzern und Winzergenossenschaften, manchmal auch direkt und exklusiv.

HH: Exklusiv – das sind die Winzereditionen …

OP: … die es nur beim Handelshof gibt, genau.

HH: Und international?

OP: Da haben wir zwei Wege: Aus Italien und Frankreich zum Beispiel importieren wir direkt, verzichten also auf Importeure und Zwischenhändler.

HH: Weil?

OP: Weil wir da den Finger auf Erzeugern, Lagen, Sorten und Reben haben – also stärker, als wenn wir über Importeure gehen. Da sind wir auch regelmäßig vor Ort und machen uns ein sehr genaues eigenes Bild.

HH: Und die anderen Länder?

OP: Da sind es dann doch die Importeure. Erstens können wir nun wirklich nicht überall sein und zweitens verbinden uns mit den Importeuren aus guten Erzeugerländern sehr gute, langjährige Partnerschaften. Da geht auch immer viel über Vertrauen und persönlichen Kontakt.

HH: Nur eben nicht vor Ort.

OP: Genau. Wir müssen uns ja auch hier, also in den Märkten, ums Geschäft kümmern.

HH: Danke für das Stichwort. Würden Sie den Handelshof denn als Weingroßhändler bezeichnen?

OP: Gemessen an den Importeuren ganz sicher nicht – und auch gemessen an manchen Branchenriesen sind wir eine eher kleine Nummer.

HH: Wenn Sie das so sagen, dann ist das ganz bestimmt mal wieder relativ (schmunzelt).

OP: Frei nach Einstein ist ja alles irgendwie relativ (grinst).

HH: Dann lassen wir den Wettbewerb mal außer Acht und sehen uns Ihre Zahlen an.

OP: Sie glauben doch nicht, dass ich Sie in meine Bücher gucken lasse!

HH: Quatsch! Interessiert mich gar nicht. Aber vielleicht können Sie mir verraten, wie viele Flaschen Wein und Sekt Sie so im Jahr absetzen …

OP (wendet sich dem PC zu und tippt): Kann ich – kleinen Moment …

HH: Sie haben die Zahl subsumiert auf Vorrat, stimmt’s?

OP: Logisch! Moment ... Also:

HH: Also?

OP: Bei Sekt und Wein zusammen waren das im letzten Jahr – genau – 4.901.290 Flaschen.

HH (verschluckt sich am Kaffee): Was Sie zu einer echt kleinen Nummer macht …

OP: Na ja – ist halt alles relativ.

Der beste Wein

HH: Sagen Sie mal … wie hoch … ist eigentlich eine typische … Weinflasche?

OP: Die Frage des Jahrhunderts! Wie kommen Sie jetzt auf so was? 30 Zentimeter ungefähr. Warum?

HH: Weil mein Taschenrechner gerade behauptet, dass man, wenn man die alle aneinanderlegen würde, von Köln in Luftlinie bis nach Porto käme.

OP: Porto, Portugal?

HH: Mhmh.

OP: Ganz schöne Strecke.

HH: 1.650 Kilometer ungefähr. Und Sie sagen, dass …

OP: Jajaja – ich habe ja nicht behauptet, wir würden nichts verkaufen (schmunzelt).

HH: Aber dann verstehe ich eine Sache nicht mehr.

OP: Und welche?

HH: Ganz praktisch: fast fünf Millionen Flaschen im Jahr. Selbst wenn ich das durch 16, also die Märkte, teile, dann komme ich immer noch auf 312.500 Flaschen im Schnitt pro Jahr pro Markt.

OP: Ja, und?

HH: Ja, und? Dann sind die ganzen Regale doch voll mit Wein und Sekt und sonst nichts! Das braucht doch Kilometer Platz!

OP: Ach so. Stimmt, würde es – aber so läuft das Geschäft eigentlich nicht. Die Regale präsentieren die verschiedenen Weine aus aller Herren Länder, aber eher repräsentativ und mit relativ kleinen Gebindegrößen. Hier kommt man eher gucken, redet mit unseren Experten und probiert auch schon mal. Der größte Anteil der Weine sieht niemals ein Regal.

HH: Was sieht er denn?

OP: Er sieht unsere Lager, wird von da kommissioniert und direkt an die Kunden geliefert. Entweder durch direkte Bestellungen oder durch die Anbindung an unser elektronisches Warenbestellsystem „Selly“.

HH: Hübscher Name. Das bedeutet, Ihr Kunde muss keine Kisten schleppen?

OP: So ungefähr. Ein Gastronom, der hier in den Markt kommt, um sich 150 Flaschen Riesling, 200 Flaschen Grauburgunder und 100 Flaschen Silvaner abzuholen, ist eher selten.

HH: Kommt also gar nicht vor.

OP: Nein. Ist ja auch nicht nötig. Wie gesagt, wenn er in den Markt kommt, dann eher, um sich umzusehen, sich zu informieren und seine Entscheidungen zu treffen – wenn wir ihn nicht sogar besuchen und uns in aller Ruhe über die Ware austauschen.

HH: Haben Sie eigentlich wirklich von jedem Anbaugebiet weltweit mindestens einen Wein?

OP: Unmöglich, müssen wir aber auch gar nicht. Klar haben wir Chile, Australien, USA, Argentinien und Südafrika und so – aber alles? Das wäre verrückt – wir müssen ja auch sehen, was hier in Deutschland so stark nachgefragt wird, dass sich die Beschaffung lohnt. Außerdem (zögert) …

HH: Ja?

OP: Wie soll ich das sagen?

HH: In klaren, einfachen Sätzen vielleicht?!

OP: Na gut – ist auch nur meine Meinung als Weinliebhaber.

HH: Ja?

OP: Meiner Meinung nach kommt der beste Wein aus Europa. Auch günstige Produkte übrigens. Warum sollte ich einen – sagen wir mal – neuseeländischen Riesling um die halbe Welt schippern, wenn Württemberg, Pfalz, Mosel, Kaiserstuhl, Rheinhessen und so weiter sozusagen um die Ecke liegen und deren Qualität einfach höher und der Geschmack besser ist?

HH: Weil das Gute liegt so nah?

OP: Das haben Sie zwar vorhin schon mal gesagt, aber es stimmt schon. Wir haben so viele tolle Weine in Deutschland und Europa – da reicht ein ganzes Leben nicht aus, um die alle wenigstens mal zu probieren.

HH: Man könnte ja mal anfangen …

OP (grinst): Angefangen habe ich ja schon! Wunderbar!

HH: Es gibt bestimmt schlechtere Hobbys (schmunzelt).

OP: Allerdings …

HH: Und heute Abend?

OP: Was ist da?

HH: Was werden Sie sich gönnen?

OP: Ach so! Ich habe da noch einen provenzalischen Rosé, der meine ganze Aufmerksamkeit erfordert – mal sehen (schmunzelt) …

 

 

Interview und Redaktion: Joachim van Moll