Olaf Pieschel im Interview

Von der Waterkant zuerst nach Südwesten und dann wieder halb zurück. Wer sich auf solche Abenteuer einlässt, ist ganz sicher kein Kind von Traurigkeit, sondern ein echter Macher. Olaf Pieschel hat in seinem Berufsleben schon so einiges gesehen und erlebt. Was ihn fasziniert, ist die schier unglaubliche Warenvielfalt in seinem Sortiment, und wenn man ihn nach einer bestimmten Weinlage, einem besonderen Whisky, einem seltenen Tee oder nach der Herkunft seiner Kaffee-Produkte fragt, antwortet er meist wie aus der Pistole geschossen. Aber es ist nicht nur die reine Freude an „seinen“ Produkten, die ihn antreibt. Auch das Geschäftliche, das Management und der persönliche Kontakt mit seinen vielen Mitarbeitern in 16 Märkten liegen ihm besonders am Herzen.

Variatio delectat

Handelshof: Herr Pieschel, über 7.650 Artikel in vier Warengruppen: Warum machen Sie so was?

Olaf Pieschel: Weil wir es können.

HH: Weil Sie es KÖNNEN?

O. P.: Na ja, natürlich auch, weil wir es wollen und im Grunde auch müssen. Das mit dem Können zielt eher auf etwas anderes ab.

HH: Und auf was?

O. P.: Unsere Ultra-Frische-Produkte, also die vom Handelshof allgemein, stehen grundsätzlich jeden Tag vor demselben Dilemma, nämlich ebendem, dass sie ultrafrisch sind.

HH: Und damit keine besonders lange Lebenserwartung haben.

O. P.: Das ist ein bisschen drastisch formuliert, aber es stimmt schon, dass mein Sortiment naturgemäß weniger aufs Mindesthaltbarkeitsdatum achten muss. Klar sind auch Kaffee, Tee und manchmal auch Weine irgendwann mal nicht mehr gut, aber verglichen mit frischen Produkten ist das schon sehr entspannt. Von Spirituosen mal ganz abgesehen – die halten unter Umständen Jahrzehnte.

HH: Aber das kann doch nicht bedeuten, dass Sie gut gelaunt einkaufen, was das Zeug hält, die Regale und Lager vollräumen und sich darauf verlassen, dass schon irgendwann jemand kommt, der das Produkt dann kauft, bevor es in drei Jahren ungenießbar wird.

O. P.: Himmel hilf! Nein! Wir sind ja kein Bauchladen! Das funktioniert völlig anders.

HH: Dann los!

O. P.: Ich habe ja eben schon gesagt, dass wir auch deshalb so groß sind, weil wir es wollen und müssen.

HH: Ja, haben Sie.

O. P.: Also mal ganz davon abgesehen, dass wir die Drehgeschwindigkeit, die Märkte, die Preisentwicklungen und die Warengruppen – auch saisonal – sehr genau im Blick haben, ist es ausgesprochen wichtig für uns, die – ich nenne das jetzt mal – „richtige Komposition“ vorzuhalten. Ziel ist immer, die Sortimentstiefe und die Sortimentsbreite sehr ausgewogen zu gestalten.

HH: Ähm …

O. P.: Die Sortimentsbreite steht für eine möglichst hohe Anzahl verschiedener Waren in einer Warengruppe.

HH: Also, wenn ich nur „Rotwein“ und „Weißwein“ habe …

O. P.: Dann haben Sie so gut wie gar keine Sortimentsbreite – zumindest nicht bei Wein.

HH: Und die Tiefe?

O. P.: Bleiben wir bei dem Beispiel und Sie hätten einen italienischen und einen spanischen Rotwein und einen deutschen und einen österreichischen Weißwein, dann haben Sie auch keine Tiefe.

Steckbrief

Olaf Pieschel, Jahrgang 1969, kam schon als Kind mit der Warenwirtschaft in Kontakt: Seine Eltern führten einige Tankstellen in Cuxhaven und waren mit die ersten Tankwarte in Deutschland, die Kioskwaren, Snacks und allerlei Gebrauchsprodukte vertrieben. Nach seinem BWL-Studium wirkte er viele Jahre im Zentraleinkauf national/international eines sehr großen deutschen Discounters in Südwestdeutschland mit, bevor er 2013 seinen Weg zum Handelshof nahm, wo er seit 2015 die Bereichsleitung Kaffee, Tee, Spirituosen und Wein innehat. Der Vater von drei Kindern bezeichnet sich nicht als Sommelier, sondern als „Genussmensch mit einem ziemlich guten Gedächtnis“.

Familie und Beruf füllen sein Leben gut aus, sodass er als Hobby schlicht „kochen“ angibt. Sicher eine kleine Untertreibung für jemanden, der Gäste gerne zu mehrgängigen Menüs einlädt und zu jedem Gang einen anderen Wein kredenzt. Seine persönlich liebste Weinlage hierzulande ist Württemberg, von wo er besonders den Trollinger schätzt. Und international? Ganz klar die Provence.

HH: Wie sähe denn grundsätzlich eine gute Breite aus?

O. P.: Wenn ich deutsche Rot-, Rosé- und Weiß- und Schaumweine aus verschiedenen Anbaugebieten habe, dann noch europäische und internationale, dann noch verschiedene Preisklassen von günstig bis hochpreisig, dann ist die Breite schon nicht ganz schlecht. Aber das gilt, wie gesagt, nicht nur für Wein, sondern natürlich auch für Kaffee, Tee und für Spirituosen.

HH: Dann ab in die Tiefe!

O. P.: Verschiedene Jahrgänge desselben Weins, verschiedene Weine desselben Winzers, unterschiedliche Gebindegrößen, spezielle Editionen. Ein Single Malt darf zum Beispiel Whisky heißen, wenn er mindestens drei Jahre im Fass war. Den würde ich zwar jetzt nicht trinken wollen …

HH: … und mir ist keine vernünftige Marke bekannt, die so junge Hühner auf den Markt wirft …

O. P.: … aber wenn man es ernst mit der Qualität meint, dann geht es erst bei zehn, zwölf Jahren los, die wahre Tiefe fängt also hier erst an. Wenn derselbe Whisky aber auch als 14-, 18- und 25-jähriger auf dem Markt ist und ich die alle anbieten kann, dann ist das schon eine ganz gute Tiefe. Das gilt ja für jede Whisky-Marke und zahllose Weine genauso.

HH: Allmählich komme ich dahinter, wie die 7.650 Artikel zusammenkommen.

O. P.: Gut!

HH: Dann noch mal die erste Frage. Warum?

O. P.: Weil wir uns als Vollsortimenter verstehen und auch so wahrgenommen werden wollen. Auch in meinem Bereich will ich, dass die Kunden sich sagen: „Ich gucke erst mal beim Handelshof und wenn die es nicht haben, dann muss ich eben woandershin.“ Unnötig zu erwähnen, dass wir das unbedingt vermeiden möchten. Kein Kunde soll mit leeren Händen nach Hause gehen. Aber dann ist da noch etwas.

HH: Trommelwirbel!

O. P.: Das ist ein ewiges Dilemma.

HH: Oh je …

O. P: Wenn man Begriffe wie „C&C Vollsortimenter“ oder „Großhändler“ hört, dann geht einem normalerweise ja nicht gerade das Herz auf.

HH: Weil das so sachlich-funktional nach Warenumschlagplatz und schierer Menge klingt?

O. P.: Ja, finden Sie nicht?

HH: Doch, doch, schon klar, aber was ist daran falsch?

O. P.: Gar nichts! Die großen trockenen Begriffe verdecken nur leider etwas, was wir nämlich AUCH noch sind – und das hat wieder mit Sortimentsbreite und -tiefe zu tun.

HH: Auswahl?

O. P.: Ja, fast. Ich meine damit, dass wir auch ein Spezialitäten-Haus sind, mit Feinkost, frischer Ware und sehr vielen Produkten, die man bei uns vielleicht so erst mal gar nicht vermuten würde. Oder hätten Sie gedacht, dass Sie sich beim Handelshof aus sage und schreibe 75 verschiedenen Kaviarprodukten bedienen können? Von ganz einfachen bis zum Beluga-Kaviar für ein Heidengeld?

HH: Ganz ehrlich: Das hätte ich jetzt wirklich nicht gedacht.

O. P.: Sehen Sie! Und darum brauchen wir so ein starkes Sortiment.

HH: Um den Kunden umzuerziehen!

O. P.: Um dem Kunden klarzumachen, dass er bei uns auch dann sehr gut aufgehoben ist, wenn er ausgefallenere Ware sucht. Da käme ich mit 500 Produkten nicht weit, weil das dann eher die „Brot und Butter“-Artikel wären. Wir stellen uns so breit und tief auf, damit er beim nächsten Mal gleich bei uns nachfragt – wo es beim letzten Mal doch so gut geklappt hat …

HH: Handel heißt Wandel?

O. P.: Meiner Meinung nach, ja. Das gilt aber eben für beide Seiten, Händler und Kunde. Mich ärgert es zum Beispiel total, wenn ich weiß, dass wir diesen einen besonderen Whisky führen, aber der Kunde gar nicht erst auf die Idee gekommen ist, bei uns nachzufragen. Wenn so etwas passiert, dann müssen wir gemeinsam sehr genau darüber nachdenken, was da passiert ist und was wir in Zukunft anders und besser machen müssen.

HH: Nicht schimpfen! Ich war’s doch gar nicht! (Schmunzelt)

O. P.: Tschuldigung, aber Sie merken, wie wichtig mir das Thema ist – auch perspektivisch für den Handelshof. Ich glaube, da ist, was die Außenwirkung in Richtung Kunden angeht, noch Luft nach oben. Wir zählen zu den bestsortierten Grossisten Deutschlands und sind stolz darauf. Wenn da einer nur mit 25 Kilo Nudeln rausspaziert, dann kriege ich persönlich die Krise.

HH: Also?

O. P.: Also überblicken, pflegen, gestalten, kalkulieren, disponieren, kommissionieren, präsentieren, verwalten, vermarkten und vertreiben wir unser fantastisches Sortiment. Mit Argusaugen, Fleiß, Konzentration und übrigens auch sehr viel Spaß an der Sache.

HH: Könnten Sie das auch zweimal sagen?

O. P.: Spaß an der Sache.

HH: Ich meinte eher den ersten Teil … Aber ehrlich? Spaß?

O. P.: Aus tiefstem Herzen. (Zwinkert) – Ich wollte vorhin übrigens gar nicht laut werden …

HH: Haha, kein Problem – war ja auch gar nicht so laut, klang eher – ähm – engagiert.

 

Interview und Redaktion: Joachim van Moll