Chinakohl

Groß, weiß, saftig, chinesisch

Wenn wir über den Chinakohl sprechen wollen, dann müssen wir natürlich auch hin ins Reich der Mitte. Schließlich entstand der Chinakohl genau hier – wir reden ungefähr über das fünfte Jahrhundert nach Christus, als die erste Kreuzung zwischen dem uralten Senfkohl, den viele von Ihnen als „Pak Choi“ kennen dürften, und der gemeinen Speiserübe gelang.

Wie unfassbar populär, beliebt und verbreitet das „große weiße Gemüse“ über alle Schichten und Klassen hinweg im Lande war, lässt sich aber wohl kaum durch eine bessere Geschichte erzählen als durch die der Regentin Cixi, die die Geschicke des Landes – im Guten wie auch im Schlechten – in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts maßgeblich prägte:

Schlau, weiblich, duldsam, erfolgreich

Cixi, die zunächst einmal ganz anders hieß, obwohl wir nicht wissen, wie, wurde 1832 in eine angesehene und auch wohlhabende Beamtenfamilie hineingeboren, was zunächst einmal bedeutete, dass sie ganz entscheidend wichtige Fähigkeiten erwarb, nämlich nähen, Schach spielen, sticken und zeichnen. Ihr schriftliches Chinesisch ließ dagegen zwar schwer zu wünschen übrig, allerdings spielte das für ihren künftigen Werdegang überhaupt keine Rolle. Viel wichtiger war wohl, dass ihr Vater sie schon früh mit politischen Gepflogenheiten und strategischen Überlegungen in Kontakt brachte.

Ohne jetzt allzu sehr auf das ausgesprochen komplizierte traditionelle Zeremoniell am Hof des chinesischen Kaisers eingehen zu wollen, gelang der späteren Regentin der Zaubertrick, an den Hof berufen zu werden – allerdings nicht als Beamtin, Zuarbeiterin oder Dienerin, sondern – als Konkubine. Der Kaiser war nämlich ziemlich gut versorgt, was die ihm zur Verfügung stehenden Damen anging – immerhin nannte er eine Kaiserin, zwei Gemahlinnen, elf Nebenfrauen und zahlreiche (oder auch zahllose) Konkubinen sein Eigen, die seinen Harem bewohnten (das ist ganz und gar nicht sexistisch formuliert: Die Damen gehörten tatsächlich dem Kaiser).

Fleißig, umtriebig, mächtig, geschickt

Nach sorgfältig ausgeklügelten Plänen, die von seinen Eunuchen strengstens überwacht und akribisch dokumentiert wurden, wohnte er diesen Damen häufig und regelmäßig bei, und so dauerte es eine Weile, bis er irgendwann so um 1854/55 seinen Gefallen an der Konkubine sechsten Ranges (was in der Rangfolge ganz, ganz unten war) Cixi fand: 1856 kam endlich, endlich ein Sohn für den Kaiser zur Welt. Sofort wurde Cixi ob dieser Spitzenleistung befördert und stieg geradezu kometenhaft in den Rang einer Nebenfrau ersten Ranges auf, was nichts anderes bedeutete, als dass sie nunmehr nur noch auf eine einzige andere Frau zu hören und deren Anweisungen Folge zu leisten hatte: die Kaiserin selbst.

Ein paar Jahre – und zahlreiche wirklich komplizierte Hofintrigen später – lag der Kaiser im Sterben und ernannte äußerst knapp vor seinem Ableben seinen und Cixis Sohn, Tongshi, zu seinem Nachfolger. Haken an der Sache war nur, dass Tongshi zu diesem Zeitpunkt noch keine fünf Jahre alt war und der Hofstaat und seine mächtigen Beamten alles andere als begeistert von dieser Entscheidung waren. Folglich versuchten sie mit allen möglichen Mitteln und Tricks, die Thronfolge nach ihren Vorstellungen zu regeln. Einige weitere Intrigen später hatten sie den Kampf aber verloren und fortan leiteten zwei Regentinnen die Geschicke des Landes, während der kleine Tongshi zu einem einsatzfähigen Jungkaiser reifen sollte: die Kaiserinwitwe selbst und die Kindsmutter Cixi – womit die sogenannte erste Regentschaft der Dame begann.

Clever, jung, glücklos, brutal

Diese endete allerdings schon 1875 jäh mit dem Tod ihres Sohnes, der sich (schon seltsam, bei der Menge des hauseigenen Angebots) in einem Bordell mit Syphilis angesteckt hatte. Was nun? Auf einmal standen der Thron erneut zur Disposition und Cixis Macht und Bedeutung schwer auf der Kippe. Um also nicht plötzlich im tiefen Keller der höfischen Bedeutungslosigkeit zu verschwinden, setzte Cixi kurzerhand ihren Neffen auf den Drachenthron, der zum Glück noch deutlich minderjährig war, und regierte unter diesem Set-up fröhlich fast 20 Jahre lang weiter: ihre zweite Regentschaft.

Dummerweise wurde Prinz Gong allerdings 1889 volljährig und nahm die Geschicke des Landes nun in die eigenen Hände. Und es gab reichlich Handlungsbedarf, denn längst hatte China seine Hegemonialmacht verloren und war zum Spielball der äußerst aggressiv agierenden Westmächte geworden, ohne irgendwelche längst überfälligen inneren und äußeren Reformen in sozusagen jedem gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen oder kulturellen Bereich angestoßen zu haben. Cixi konnte nichts gegen den Kaiser und seine modernen Ambitionen ausrichten und zog sich folgerichtig – wahrscheinlich schwer beleidigt – zunächst für ein paar Jahre aus der aktiven Politik zurück.

Was Kaiser Gong nun schnellstmöglich nachzuholen versuchte, gefiel nicht nur unserer erzkonservativen Cixi überhaupt nicht, auch die chinesischen Eliten protestierten und intervenierten, was kurz darauf dazu führte, dass Cixi ihren Neffen unter strengen Hausarrest stellen ließ (das war schon eher ein Staatsstreich als alles andere) und sich entschlossen an ihre dritte Regentschaft machte. 1898 war das.

Chaos, Revolution, Abdankung, Tod

Was jetzt folgte, ist geradezu tragisch, denn nicht nur musste sie den Boxeraufstand mit ansehen und sich der bitteren Wahrheit stellen, dass alle zaghaften Reformversuche, die sie dann doch noch auf den Weg gebracht hatte, viel zu spät kamen. Letzten Endes führte all das auf direktem Weg zur Xinhai-Revolution im Jahr 1911, die das Land mehr oder weniger komplett auf den Kopf stellte und es schließlich zur Volksrepublik China machte. Und ganz nebenbei endete an dieser Stelle auch das über 2.100 Jahre alte chinesische Kaiserreich.

Cixi blieb das ganze dramatische Ausmaß ihrer Fehler erspart, sie starb 1908 an der Grippe, allerdings nicht, ohne kurz vorher schon wieder ein (Klein-)Kind auf den Thron gesetzt zu haben: Puyi, der 1912 infolge der Xinhai-Revolte genötigt wurde, auf den Kaisertitel zu verzichten und der somit der wirklich allerletzte Kaiser Chinas war. Da war er übrigens gerade einmal sechs …

Berühmt, berüchtigt, beschenkt, bestattet

Und jetzt, JETZT, kommen wir endlich wieder zum Chinakohl: Aufgrund ihrer sehr hohen politischen und gesellschaftlichen Bedeutung – und nicht zuletzt wegen der Tatsache, dass sie die längste Regentschaft überhaupt in der langen Geschichte ihres Landes hatte – wurde Cixi natürlich mit allen Ehren und ganz sicher auch nicht gerade bescheiden in den Kaisergräbern Pekings niedergelegt. Allerdings währte ihre Totenruhe nicht lange, denn 1928 plünderten die Kuomintang die Totenstätte und nahmen so ziemlich alles mit, was wertvoll war. Die Perlen und Juwelen zum Beispiel wurden als Trophäen stolz einer Dame mit dem klangvollen Namen Song Meiling überreicht, die nichts anderes war als die Ehefrau eines gewissen Chiang Kai-shek.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass ausgerechnet Cixis absolutes Lieblingsstück, eine aus einem einzigen Stück überaus kunstvoll gefertigte und unfassbar wertvolle Plastik, irgendwie vollkommen spurlos verschwand und erst sehr viel später irgendwie irgendwo wieder auftauchte: der berühmte Jadekohl, der in der Tat das Abbild eines Chinakohls war. Heute gilt die Arbeit zwar offiziell als wichtiges Kulturgut, aber ausdrücklich nicht als nationales Kulturgut der Republik China. Wie auch? Er repräsentiert ja auf schönste Weise die alte Zeit der kaiserlichen Eliten. Und das, obwohl er in Taiwan ausgestellt wird und gar nicht auf dem chinesischen Festland.

Bekannt, geschätzt, veredelt, gesund

Auf jeden Fall war und ist Chinakohl nicht nur ein Gemüse mit Geschichte, sondern auch ein echter Alleskönner in der Küche und am Herd. Suppen, Salate und Wokgerichte bereichert er ebenso, wie er sehr wichtiger Bestandteil von Kimchi, dem durch Milchsäuregärung veredelten, scharfen Gemüse ist, das sich vor allem in der koreanischen Küche äußerster Beliebtheit erfreut.

Und gesund ist er natürlich auch: Vor allem sein Anteil an Kalium, Calcium und Folsäure ist durchaus erwähnenswert. Er enthält relativ wenig Zucker, dafür aber sehr viele einfach und mehrfach ungesättigte Fettsäuren.

Auch das noch!

PS: Und wenn Sie das vielleicht auch noch wissen wollen: Damit Cixi den kleinen (er war erst etwa zwei Jahre alt) Puyi auf den Thron setzen konnte, musste natürlich zuerst einmal ihr Neffe, Kaiser Gong (der mit dem Hausarrest), Platz machen. Neuere Untersuchungen haben ergeben, dass der arme Kerl wohl an einer Arsenvergiftung starb. Der Begriff „Skrupel“ war wohl keine besonders wichtige Vokabel im Wortschatz der edlen Dame …

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