Kartoffeln

Wenn ein Land innerhalb weniger Jahre mehr oder weniger die Hälfte seiner Bevölkerung verliert, dann muss wirklich jede Menge – um nicht zu sagen: so ziemlich alles – schiefgegangen sein. Dabei hatte gerade die Kartoffel erheblichen Anteil daran, dass die Leute bei relativ geringem Aufwand satt wurden und einigermaßen gesund blieben, was natürlich eine sehr gute Sache war. Und dann war sie da, die Kartoffelfäule…

Kartoffel sei Dank

In der Zeit, über die wir zu Anfang dieses Textes zu reden haben, also ungefähr von 1800 bis 1900, war die schöne Insel Irland keineswegs ein Paradies auf Erden, wie wir es heute kennen. Innerhalb kürzester Zeit, so ungefähr zwischen 1800 und 1840, hatte sich zwar die Einwohnerzahl fast verdoppelt, das hatte aber keineswegs daran gelegen, dass die Insel irgendeinen wirtschaftlichen, kulturellen oder politischen Aufschwung erlebt hätte. Im Grunde war nämlich alles darauf zurückzuführen, dass die Kartoffeln, die sich größter Beliebtheit erfreuten, auch auf den kärgsten Böden gut wuchsen, dass sie sehr nahrhaft waren und so gute Erträge brachten, dass auch Leute mit nur ganz wenig Grund und Boden ihre Familien einigermaßen satt und gesund halten konnten. Sehr viele Menschen ernährten sich so gut wie ausschließlich von Kartoffeln und bauten auch gar nichts anderes mehr an.

Die armen Iren

Irland war zu dieser Zeit nämlich alles andere als reich (von den englischen Kolonialherren und Großgrundbesitzern natürlich abgesehen), eine nennenswerte Industrie oder Produktion irgendwelcher Güter gab es nicht. Deshalb lebten gegen Mitte des 19. Jahrhunderts fast 75 % der Bevölkerung rein von der Landwirtschaft und waren zu 100 % von ihr abhängig – und zwar nicht nur davon, was sie für sich selbst aus dem Boden holen konnten, sondern auch davon, dass sie unbedingt die Pachten aufzubringen hatten, die ihnen die Engländer aufgelegt hatten. Das mussten sie um jeden Preis, wenn sie nicht von „ihrem“ Land vertrieben und unausweichlich in Armut, Hunger und Tod geschickt werden wollten.

Das ging eben auch deshalb so lange gerade so einigermaßen gut, weil die armen Bauern ihre Kartoffeln hatten und sich mehr oder weniger ausschließlich von ihnen ernähren konnten (bzw. mussten). Darum zunächst der Bevölkerungsanstieg von gerade einmal vier Millionen im Jahr 1800 auf über acht Millionen um 1840.

Die monokulturelle Katastrophe

Dann kam die Katastrophe, die dazu führte, dass in den folgenden fünf Jahren eine Million Menschen schlichtweg verhungerten (also sage und schreibe etwa 12 % der Bevölkerung) und weitere zwei Millionen das Land verließen (bzw. verlassen mussten), um es in Nordamerika oder in Australien noch mal zu versuchen, was nur den Beginn eines sozusagen ewigen Exodus markierte: Im Jahr 1904 lebten nur noch knapp 4,4 Millionen Iren auf ihrer Insel – knapp 50 % der Zahl von 1840.

Was passiert war? Die Kartoffelfäule hatte die Insel erreicht, vernichtete mehr oder weniger sämtliche Ernten der Jahre 1845 bis 1849, die Landbesitzer nutzten die Gelegenheit, sich ihrer ungeliebten Kleinbauern zu entledigen, und die englische Politik schaute einfach mal lieber konsequent weg.

Nichts wie weg

Und nur, um das noch mal klarer zu machen: Es gab Jugendliche, die Straftaten begingen, um in die ansonsten wirklich gefürchteten Sträflingskolonien wie Australien oder Tasmanien deportiert zu werden, wo sie zwar unfrei sein würden, aber immerhin etwas zu essen bekamen – wenn sie die Überfahrt denn überhaupt überlebten.

Bis heute hat sich die Einwohnerzahl Irlands nicht mehr auf das Niveau von 1840 erholt, was einem durchaus zu denken geben kann. Wenn Sie das Thema weiterführend interessiert, dann googeln Sie einfach mal „große Hungersnot“.

Das Kraftpaket

Die Kartoffel also: Sie hat die Kraft und die Gabe, sehr viele Menschen satt zu machen, sie steckt voller Energie, ihre Erträge sind wirklich gut (in Deutschland immerhin so um die 40 Tonnen pro Hektar) und schmecken tut sie auch noch richtig lecker, was sie insgesamt zu einem Segen macht.

Ursprünglich stammt sie aus den höheren Lagen der Anden, was übrigens auch dafür verantwortlich ist, dass sie insgesamt recht anspruchslos ist, was die Böden angeht, mit Temperaturen oberhalb von etwa 20 Grad Celsius nicht so wirklich glücklich wird und dass sie es gerne relativ feucht hat. Alleine aus Peru kennen wir über 3.000 Kartoffelsorten, von denen sich die allerwenigsten zum Anbau in anderen Gegenden der Erde eignen.

Weit gereistes Superfood

Wenn wir gerade in Südamerika unterwegs sind, dann ist es klar, dass es nur die Konquistadoren aus Spanien gewesen sein konnten, die sie nach Europa brachten, und zwar über den Umweg über die zu Spanien gehörenden Kanarischen Inseln, die seit jeher als Sprungbrett zwischen der alten und neuen Welt gedient hatten. Vom spanischen Festland ging es dann über Italien weiter, bis sie nach und nach ihren Siegeszug nach ganz Europa abgeschlossen hatte. Das war dann in etwa so gegen Ende des 16. Jahrhunderts der Fall.

Nach England kam die Kartoffel allerdings wahrscheinlich ganz unabhängig von Spanien und auf ganz eigenen Wegen. Es wird zwar oft gemutmaßt, aber es scheinen sie nicht Freibeuter wie Francis Drake oder Entdecker wie Walter Raleigh im Gepäck gehabt zu haben; man weiß andererseits trotzdem nicht, wie und mit wem sie anreiste. 1596 wird sie zum ersten Mal in England schriftlich erwähnt und der Grund hierfür ist eher überraschend, was allerdings nicht nur für Britannien gilt.

Wie hübsch!

Zunächst wurde die Kartoffel nämlich überhaupt nicht als potentes Nahrungsmittel angesehen, sondern wegen ihrer hübschen Blüten und ihres üppigen Laubs als Zier- und Schmuckpflanze geschätzt: Als man dann der Knolle sozusagen erfolgreich auf den Grund gegangen war, so etwa 30 Jahre später, erfolgten die ersten – sehr bescheidenen und fast kläglichen, aber immerhin – landwirtschaftlichen Anbauversuche und 1621 kam in Linz das erste Kochbuch mit Kartoffelrezepten heraus. Wie exotisch!

Jetzt aber

Der Anbau in großem Stil begann 1684 in Lancashire (das ist eine Grafschaft im Nordwesten Englands, die übrigens – hört, hört – direkt gegenüber von Irland liegt), 1716 in Sachsen, 1728 in Schottland, 1738 in Preußen und 1783 in Frankreich.

100 Jahre dauerte das Ganze also, aber dann war es mehr oder weniger getan, das heißt, nachdem die armen Bauern, die zu Anfang mit dem Anbau beauftragt worden waren, schmerzvoll gelernt hatten, dass es nicht die hübsche grüne Frucht war, die man essen konnte und sollte, sondern die Knolle, die in der Erde wuchs. (Hintergrund für den „Schmerz“ war, dass Kartoffeln zu den Nachtschattengewächsen zählen, die einen Stoff namens Solanin enthalten; er ist für uns alles andere als gesund. Auch darum sollten bereits grün gewordene Kartoffeln vor Verzehr sehr großzügig geschält werden (besser ist es aber, sie zu entsorgen), und keinesfalls sollten grüne Kartoffelschalen, grüne Kartoffeln oder Kartoffellaub zum Beispiel an Pferde verfüttert werden: Diese sterben meist unweigerlich daran.

Hui …

Weltweit gibt es wohl um die 7.000 Kartoffelsorten, die gezielt gezüchtet und angebaut werden. Da ist es nicht gerade ein Klacks, die alle auseinanderzuhalten, weswegen wir Ihnen an dieser Stelle ein kleines Kompendium zu Speisekartoffeln anbieten möchten. Vor allem die Bezeichnungen der jeweiligen Kochtypen könnten Sie hier interessieren – deutsche Kartoffeln werden darüber hinaus noch mit einem farbigen Streifen auf der Verpackung gekennzeichnet:

Festkochende Speisekartoffeln

Kochtypen: A und A-B

Farbkennzeichnung: grün

Sorten: Agata, Amandine, Anais, Annabelle, Belana, Charlotte, Cilena, Ditta, Filea, Hansa, Kipfler, La Ratte, Linda, Marabel, Nicola, Primura, Princess, Renate, Selma, Sieglinde, Spunta, Stella, Vitelotte

Form: länglich bis oval

Konsistenz: fest, feinkörnig, feucht

Kocheigenschaften: kein Aufspringen

Geschmack: mild bis angenehm kräftig

Gerichte: Bratkartoffeln, Gratins, Kartoffelsalat

 

Vorwiegend festkochende Speisekartoffeln

Kochtypen: B-A und B

Farbkennzeichnung: rot

Sorten: Agria, Arkula, Astilla, Atica, Bamberger Hörnchen, Bolero, Christa, Colette, Désirée, Finka, Gala, Gloria, Grandifolia, Granola, Hela, Jelly, Laura, Leyla, Maja, Quarta, Rosara, Saskia, Satina, Saturna, Secura, Solara, Tizia, Ukama

Form: uneinheitlich

Konsistenz: feinkörnig, mäßig feucht

Kocheigenschaften: geringes Aufspringen

Geschmack: mild bis angenehm kräftig

Gerichte: Salz- und Pellkartoffeln, Bratkartoffeln, Suppen

 

Mehligkochende Speisekartoffeln

Kochtypen: B-C und C

Farbkennzeichnung: blau

Sorten: Ackersegen, Adretta, Afra, Arkula, Aula, Bintje, Blauer Schwede, Freya, Gunda, Karat, Karlena, Koretta, Libana, Likaria, Lipsi, Mariella, Melina, Naturella, Schwarzblaue aus dem Frankenwald

Form: uneinheitlich

Konsistenz: grobkörnig, trocken

Kocheigenschaften: häufiges Aufspringen

Geschmack: angenehm kräftig

Gerichte: Eintöpfe, Kartoffelpüree

 

Übrige Kochtypen

Kochtypen: C-D und D

Keine Kochtypen im Sinn der Handelsklassenverordnung, daher keine Farbe

Konsistenz: stark mehlig, trocken

Kocheigenschaften: besonders locker bis zerfallend

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