Tiramisu

Halleluja

Schon Sekunden, nachdem der allererste Bissen den Mund passiert hat und noch gar nicht so recht im Magen angekommen ist, feuert das Belohnungs- und Glückszentrum in unserem Gehirn die ersten schweren Salven in Richtung Seligkeit ab: Irgendetwas muss also in dieser Süßspeise sein, wonach es uns wirklich gelüstet – selbst dann, wenn wir eigentlich schon längst satt sind.

Aber es stimmt: Ein Tiramisu (ja, es steht wirklich im Neutrum, ist also das Tiramisu) kombiniert auf höchst angenehme Weise Wärme mit Kühlheit, süß mit bitter, Creme mit Teig. Der Aufbau ist dabei ebenso simpel wie Erfolg versprechend: Auf eine Lage Löffelbiskuits wird etwas mit Marsala, Amaretto oder auch Weinbrand aromatisierter, kalter Espresso geträufelt, darauf folgt eine schöne Schicht mit Creme aus Mascarpone, Eigelb und Zucker. Dann kommen wieder Löffelbiskuits und so weiter, bis das Ganze schließlich mit einer Schicht Creme und reichlich Kakaopulver abgeschlossen wird.

Was (sehr) lange währt

Wie lange dauert es eigentlich, bis man von einem echten Küchenklassiker sprechen kann, darf oder sollte? Im Fall des Tiramisu ist das gar nicht leicht zu sagen, weil sich seine Wurzeln zwar bis an den Anfang des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen lassen, sein Name aber erstmals viel, viel, viel später schriftlich belegt ist und auch die Entstehung, Entdeckung, Erfindung des Namens selbst echt lange gebraucht hat.

Der Anfang ist erstaunlich europäisch

Aber der Reihe nach: Ein in seiner Zeit äußerst berühmter und auch von allen möglichen europäischen Regenten hochgeschätzter Konditor stammte aus Paris und trug den recht vornehm klingenden Namen Marie-Antoine Carême. Seine Eltern waren allerdings mit ihren mindestens 15 Kindern dermaßen bettelarm, dass sie den kleinen Marie-Antoine bereits im Alter von zehn Jahren als Aushilfe in eine Gaststätte schicken mussten. Zum Glück, könnte man sagen! Denn mit den Jahren entwickelte sich der Junge zu einem hochbegabten Koch und Konditor und gilt auch heute noch als einer der Gründerväter dessen, was wir voller Hochachtung als „Haute Cuisine“ bezeichnen. Auf jeden Fall stand er so ungefähr 1814 in den Diensten des russischen Zaren Alexander I., der sich eine neuartige Süßspeise von ihm wünschte.

Nicht schlecht, Herr Specht

Monsieur Carême dachte kurz scharf nach und erinnerte sich nacheinander an eine englische Vorform des Puddings mit dem Namen „Charlotte“ und an Bayerische Creme und kam auf die Idee, statt des für die Charlotte typischen Obstes Alkohol zu verwenden, das Gericht nicht warm, sondern kühl auszulegen und es entsprechend mit Schlagsahne aufzupolstern. Wenn man so will, ist diese biskuitbasierte „Charlotte russe“ wohl die Urform des Tiramisu, auch wenn es bis zum später endgültigen Rezept noch ein ganz schön langer Weg sein sollte – der uns über eine kurze Zwischenstation in Österreich ins nordöstliche Italien führt.

So nicht!

Ein Gründungsmythos hält sich übrigens erstaunlich hartnäckig, obwohl er wohl falsch ist: Man stößt immer wieder auf die Behauptung, das Tiramisu stamme von der toskanischen „Zuppa del duca“, der „Zuppa inglese“, ab. Diese ist allerdings eine mit englischer Creme gefüllte Biskuit-Schichttorte, wohingegen das Tiramisu eine mit Mascarpone gefüllte Charlotte ist. (Alles gar nicht so einfach, jedenfalls ist der Autor dieses Textes froh, nicht Konditor geworden zu sein …)

Ottimo!

Überspringen wir einfach nach dieser endgültigen Klärung des Sachverhalts Österreich und begeben uns ohne Umwege direkt nach Venetien, namentlich ins Jahr 1939, wo in einer kleinen Trattoria eine süße Nachspeise unter dem Namen „Coppa Vetturino“ serviert wurde, die dem späteren Rezept schon sehr nahekam. Der einzige Unterschied war, dass der Konditor statt der Mascarponecreme eine Zabaglione verwendete (Sie merken schon: Die Sache mit der verwendeten Creme war und ist ein ganz schönes Thema) und dass das Ganze eben so hieß, wie er es nun mal nannte. Bis sich das Blatt nur ein Jahr später wendete und ein begeisterter Gast nach dem Genuss der Delikatesse ausrief: „Ottimo, c’ha tirato su!“, also sinngemäß: Bestens, das hat mich hochgezogen! Der Wirt schaltete schnell und übersetzte die Kernaussage in den regionalen Dialekt, was dann „Tireme su“ hieß und schnell zu Tiramisu zusammengezogen wurde.

Und jetzt?

Jetzt haben wir in etwa das Grundrezept, das ungefähre Gründungsjahr und wissen, woher der Name wohl stammt. Bleibt nur noch die Frage nach der ersten schriftlichen Erwähnung – zum Beispiel auf einer Speise- oder Nachspeisenkarte – und natürlich die nach dem ersten belegten finalen Rezept.

Speisekarte: simpel. Antwort: 1969. Erst 1969!

Rezept: schwieriger. Entweder ab 1951 in derselben Gaststätte in Tolmezzo, die das Tiramisu 1969 auf die Karte gesetzt hatte, oder 1954 im nur 100 Kilometer entfernten Treviso, wo das Dessert allerdings unter einem völlig anderen Namen kredenzt wurde: Coppa imperiale.

Da soll sich noch einer auskennen …

Egal!

Andererseits ist das alles vollkommen egal und augenblicklich vergessen, wenn man, wie oben schon beschrieben, einfach nur riecht, kaut, schmeckt, schluckt und genießt: Tiramisu gehört ganz klar auf die Liste der final glücklich machenden Soulfoods.

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